Biodiversität

Grundlage unseres Naturkapitals

Eine kurze Definition

„Die Natur ist das einzige Buch,
das auf allen Blättern großen Inhalt bietet.“

Johann Wolfgang Goethe (1749–1832)

I. Was ist Biodiversität?

Unter Biodiversität versteht man die gesamte Vielfalt des Lebens auf der Erde – von den genetischen Unterschieden innerhalb einer Art über die Vielfalt der Arten bis hin zu den unterschiedlichen Ökosystemen und ihren Wechselwirkungen.
Diese Vielfalt bildet die Grundlage für stabile, widerstandsfähige Lebensgemeinschaften und damit auch für das menschliche Leben.

Man unterscheidet vier Ebenen der Biodiversität:

  1. Genetische Vielfalt
    Die genetischen Unterschiede zwischen Individuen einer Art bestimmen deren Anpassungsfähigkeit. Je größer die genetische Vielfalt einer Population, desto widerstandsfähiger ist sie gegenüber Krankheiten oder Umweltveränderungen.
  2. Artenvielfalt
    Sie beschreibt die Anzahl und Vielfalt von Tier-, Pflanzen-, Pilz- und Mikroorganismenarten in einem Lebensraum sowie ihre ökologischen Beziehungen. Jede Art erfüllt eine bestimmte Funktion im Gefüge des Lebensraumes und trägt zur Stabilität des Gesamtsystems bei.
  3. Ökosystemvielfalt
    Sie umfasst die Vielfalt verschiedener Lebensräume – Wälder, Feuchtgebiete, Grasländer, Seen oder Küsten – und der darin existierenden Lebensgemeinschaften. Je größer diese Vielfalt, desto mehr Arten und ökologische Prozesse können bestehen.
  4. Ökosystemdienstleistungen
    Ökosysteme erbringen Leistungen, die für den Menschen unverzichtbar sind.
    Man unterscheidet:
    1. Versorgungsdienstleistungen: Nahrung, Wasser, Holz, genetische Ressourcen
    1. Regulierende Dienstleistungen: Klimaregulierung, Hochwasserschutz, Wasserqualität und Luftreinhaltung
    1. Kulturelle Dienstleistungen: Erholung, Tourismus, Inspiration
    1. Unterstützende Dienstleistungen: Sauerstoffproduktion, Bodenbildung, Bestäubung, Nährstoffkreislauf

Ein zentrales Beispiel ist die Photosynthese – die Umwandlung von CO₂ in Sauerstoff – sowie die Bestäubung durch Insekten. Beide Prozesse sind entscheidend für die Stabilität des Lebens auf der Erde.

II. Natur als Kapital – Der ökonomische Blick

Die internationale TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity, 2010) beschreibt den ökologischen Reichtum unseres Planeten als „Naturkapital“.
Die von Ökosystemen erbrachten Dienstleistungen gelten als Dividende, die die Natur aus diesem Kapital erwirtschaftet.

Doch dieses Kapital ist in den letzten Jahrzehnten massiv geschrumpft.
Die ökologischen „Dividenden“ – sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung, stabile Klimaregulation – werden dadurch zunehmend zu Kosten, die Gesellschaft und Wirtschaft tragen müssen. Die Kosten für Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Trockenperioden und Überschwemmungen müssen darüberhinaus berücksichtigt werden.

III. Wie Biodiversität funktioniert – ein Systemzusammenhang

Die Funktionsweise der Biodiversität lässt sich anhand einer vereinfachten Nahrungskette darstellen, die zeigt, wie eng biologische Prozesse miteinander verknüpft sind:

  1. Boden
    Bodenlebewesen zersetzen organisches Material und stellen Nährstoffe bereit. Sie schaffen die Grundlage für das Pflanzenwachstum und speichern Wasser sowie Kohlenstoff.
  2. Pflanzen
    Blütenpflanzen produzieren durch Photosynthese Sauerstoff, verhindern Bodenerosion, regulieren die Luftfeuchtigkeit und speichern Oberflächenwasser. Ihre Bestäubung hängt eng mit dem Zustand des Bodens und des Klimas zusammen.
  3. Insekten
    Bestäuber wie Honigbienen, Wildbienen und Schmetterlinge sichern die Fortpflanzung vieler Pflanzenarten. Sie bilden zugleich die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Tierarten – insbesondere Vögel.
  4. Vögel
    Viele Vogelarten ernähren sich von Insekten. Sie regulieren Schadinsekten und sind ein wichtiger Indikator für die ökologische Gesundheit von Landschaften.
    Alle Vögel brauchen für die Aufzucht der Jungen Insekten (Eiweiß).

Wenn eines dieser Glieder geschwächt wird, gerät das gesamte System ins Ungleichgewicht.

IV. Der Verlust des Naturkapitals – Empirische Befunde

1. Rückgang der Vögel

Der Bericht „Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025“ des Bundesamtes für Naturschutz zeigt deutliche Verluste, insbesondere im Agrarland.
Sieben Brutvogelarten, die landwirtschaftliche Flächen nutzen, verzeichneten seit 1998 Rückgänge zwischen 60 und 84 %. Mit dem Verschwinden von Arten wie Rebhuhn, Bekassine oder Kiebitz gehen wichtige Glieder der Nahrungskette verloren.
Mehrere Arten gelten mittlerweile als ausgestorben, darunter Rotkopfwürger und Raubseeschwalbe.

2. Insektensterben

Die Krefelder Studie dokumentierte seit den 1980er-Jahren einen Rückgang der Insektenbiomasse um mehr als 75 %.
Besonders betroffen sind Wildbienenarten, die auf spezifische Blühpflanzen wie die Wiesenglockenblume angewiesen sind. Mit deren Verschwinden werden 10 Wildbienen-Arten, die auf die Glockenblumen angewiesen sind, ebenfalls verschwinden.

3. Verlust an Blühpflanzen

Langzeituntersuchungen von Wiesen zeigen, dass artenreiches Grünland auf feuchten Standorten um rund 85 % abgenommen hat.
Intensive Düngung fördert nur noch wenige dominante Arten wie den Löwenzahn, während die Mehrheit der Blühpflanzen verschwindet.
Damit verlieren Bestäuber bis zu 85 % ihrer Nahrungsquellen – mit entsprechenden Folgen für Vogel- und Pflanzenbestände.

4. Flächenverbrauch und Bodenqualität

Täglich gehen in Deutschland etwa 71 Fußballfelder an Naturflächen durch Siedlungs- und Verkehrsbau verloren.
Zudem verschlechtern Übernutzung und Humusverlust die Speicherfähigkeit der Böden für Wasser und Kohlenstoff.

V. Schlussfolgerung – Von der Dividende zur Verantwortung

Wenn das ökologische Kapital verbraucht ist, werden seine Dividenden zu Kosten.
Jede zerstörte Fläche, jede verlorene Art mindert den Wert unseres Naturkapitals und gefährdet langfristig die Grundlage unseres Wohlstands.

Deshalb müssen Landwirtschafts- und Förderprogramme konsequent an messbare Beiträge zur biologischen Vielfalt geknüpft werden.
Nur durch den Erhalt und die Wiederherstellung artenreicher Lebensräume – insbesondere durch Blühpflanzen, Hecken, Feuchtgebiete und humusreiche Böden – kann das ökologische Gleichgewicht wieder stabilisiert werden.

Kernaussage

Biodiversität ist kein Luxus, sondern die Grundlage jeder nachhaltigen Ökonomie.
Der Schutz des Naturkapitals ist nicht nur eine ökologische, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.